ALS KIND HAB ICH IMMER GEDACHT…

„Als Kind hab ich immer gedacht…“ heißt ein ongoing Buch- und Social-Media-Projekt, das ich schon seit Jahren immer mal wieder verfolge.

Die Idee: Als Kind hat man seine ganz eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert. Hier werden diese Geschichten gesammelt und von unterschiedlichen Künstler*innen illustriert. Einen ersten Einblick gibt es auf:

Web: alskindhabichimmergedacht.de
Instagram: @alskindhabichimmergedacht
Facebook: @alskindhabichimmergedacht

Vielleicht hast du selber eine Geschichte oder möchtest als Illustrator*in mitmachen und eine fremde Geschichte illustrieren? Wenn das Ding mal irgendwann erscheinen sollte, würde ich die Kohle, die übrig bleibt, fair unter allen beteiligten Illustrator*innen und mir verteilen.

Diese Geschichten sind noch offen und suchen eine*n Zeichner*in:

  1. Als Kind hab ich immer gedacht, dass man einen Brief “per Nachnahme” verschickt, weil das etwas mit dem Nachnamen des Adressaten zu tun hat. (Ellen)
  2. Als Kind hab ich immer gedacht, dass die türkisen Lüftungsrohre im Schnellrestaurant Kochlöffel in der Lingener Innenstadt die Wasserrutsche unserer Schwimmhalle sind. Mir kamen die Rohre als Kind wirklich groß und breit vor, außerdem konnte man ja ganz ähnliche Geräusche aus ihnen hören. Dabei liegt unser Schwimmbad mindestens fünf Kilometer weit vom Kochlöffel entfernt! Aber die Rutsche kam mir auch endlos lang vor…
  3. Als Kind hab ich immer gedacht, dass das Jahr 1982 niemals aufhört. Diese Zahl kam mir als Achtjähriger so riesig und unveränderlich vor wie die ganze Welt. Natürlich hatte ich schon an Silvesterpartys teilgenommen. Da meine Mutter aber an Silvester Geburtstag hatte, dachte ich, das seien halt großartige Geburtstagsfeiern – mit Feuerwerk für meine Mutter! Gut, es war irgendwie merkwürdig, dass am nächsten Tag plötzlich wieder Januar war, aber das störte mich nicht. Absolut irritiert war ich, als mein Bruder seine Hausaufgaben machte und beim Datum 1983 schrieb. Ich wies ihn auf den Fehler sofort hin. Und verstand erst dann, dass man zu Neujahr eine neue Jahreszahl schreiben muss! (Oliver Marke)
  4. Als Kind hab ich immer gedacht, dass wenn man lange genug an Haribo-Colaflaschen-Gummis nuckelt, immer weniger Cola in der Flasche ist. (Katharina Gipp)
  5. Als Kind hab ich immer gedacht, dass immer dieselbe Folge Bonanza im Fernsehen läuft. Der Anfang war ja immer gleich. (Ingo Scheel)
  6. Als Kind hab ich immer gedacht, dass die Schuhe schrumpfen würden. Man brauchte ja ab und zu mal neue Schuhe, weil die alten zu klein wurden. Mir kam damals nicht in den Sinn, dass die Füße wachsen! (Annika Paulsen)
  7. Als Kind hab ich immer gedacht, dass man sich nicht mit “Hi” grüßen darf. Meine Mutter hat mir erzählt, dass Hakenkreuze in Deutschland verboten sind genauso wie Menschen, die Heil Hitler in der Öffentlichkeit in Deutschland sagen, dafür bestraft werden. Ich habe aber “Hi, Hitler verstanden. (David Schmidt)
  8. Als Kind hab ich immer gedacht, dass die Band Opus nicht „Life Is Life“ singt, sondern „Fleisch ist Fleisch“. (Meike Paprotta)
  9. Als Kind hab ich immer gedacht, dass es meine Bestimmung war, „Jesus“ zu werden. Ich war der festen Überzeugung, dass ich, da ich ja genau wusste, wie die Welt zu verbessern wäre, irgendwann Jesus werden würde. Ich habe zwar einige Probleme in der Geschlechtsumwandlung gesehen, aber das würde sich bestimmt irgendwann klären. Und als Jesus wäre ich dann in der Lage, alle gemeinen Sachen und Menschen auf der Welt zu beseitigen. (Christina Böhlau)
  10. Als ich klein war, haben wir noch in Süddeutschland gewohnt. Meine Oma wohnte schon immer in Georgsmarienhütte. Immer, wenn wir sie besuchten, haben meine Eltern Omas Rasen gemäht. Aus den Hügeln aus abgemähtem Gras krabbelten Dutzende Marienkäfer, die ich alle versucht habe zu retten. Ich war erstaunt über diese Mengen an Marienkäfern, und es war mir völlig klar, dass Georgsmarienhütte deshalb Georgsmarienhütte heißt, weil es dort so viele Marienkäfer gibt! Mir war zwar der Zusammenhang mit Georgs- und – hütte nicht klar, aber das war nicht so wichtig aufgrund der vorliegenden Beweise: massenhaft Marienkäfer! (Julia Barthold)
  11. Ganz früher hat man mir erzählt, dass die Babys aus dem Bauch kommen. Also war für mich klar, dass man dabei den Bauch aufschneiden muss. Dann habe ich mich gefragt, was dann denn wohl ein Kaiserschnitt ist. Und habe kombiniert: Kaiser=Krone, also müssen die Babys dann irgendwie aus dem Kopf kommen. (Melanie Stolze)
  12. Als Kind hab ich immer gedacht, dass nicht die Wolken ziehen, sondern dass sich die Erde unterschiedlich schnell dreht. (Daniel Geyer)
  13. Als Kind hab ich immer gedacht, dass wenn man ein Förmchen nur weit genugin die Luft wirft, ein Stückchen Wolken dran kleben bleibt. (Katharina Gipp)
  14. Als Kind hab ich immer gedacht, dass alle Menschen auf der Welt Deutsch sprechen. Alle anderen Sprachen sind private Geheimsprachen. (Katharina Gipp)
  15. Als Kind hab ich immer gedacht, dass man sich beamen kann, wenn man sich nur stark genug konzentriert. (Viktoria Meinholz)
  16. Als Kind wollte ich keine Blutorangen essen, weil ich dachte, dass das normale Orangen sind, in die Blut gespritzt wurde. Ich hab mir da immer Arbeiter mit Spritzen voller Blut vorgestellt, die das in die Orangen injizieren – und ich wusste ja, dass man kein Blut von anderen Menschen trinken oder essen darf.
  17. Als Kind hab ich immer gedacht, man unter Wasser nicht denken kann – und dass dort alles gut ist. (Dani Wien)
  18. Ich dachte, ich müsste in exakt demselben Moment den Halteknopf drücken, wenn der Bus an der Bushaltestelle vorbeifährt, an der ich aussteigen wollte. (Kim Mildebrath)
  19. Also, one thing I thought when I was little, because in Swedish there is a saying that a royalty has got „blue blood running through the veins“, and since I saw my veins in my arms being blue, I was certain that i was actually a princess who had been placed in the care of a simple family in the suburbia by mistake, but that my true father the king would come and save me soon, and I would live my life in a palace with horses and dresses and all that.) (Maja Enerskog)
  20. Als Kind habe ich immer geglaubt, dass ich dafür sorgen müsste, dass ich in die Hölle komme. Ich habe nur sehr ungern Abendessen gegessen, dass es in Jugendherbergern meistens gab: Graubrot, Magarine, Salami, Käse, auf dem Wasserabdrücke von Gurkenscheiben und Wurstreste sind, kalter Früchtetee mit Zucker und der Geruch von Leberwurst. Ich war mir sicher, dass es im zugigen Himmel auch nur kaltes Abendessen geben müsste und dass überhaupt alles so fad und freudlos ist, wie ich Jugendherbergen insgesamt fand. In der Hölle würde es dagegen immer Spagetti Bognese und andere lecker warme Sachen geben. (Jul Gordon)
  21. Als Kind habe ich immer gelglaubt, dass ich mit 17 oder 18 an Gehirnerweichung sterbe. mein Vater hat mir das erzählt, während ich eine Bifi aß. Wie ich darauf kam, das ich mit 17 oder 18 sterben werde, weiss ich nicht mehr, mein Vater hat nur allgemein vom Gehirnerweichungstod durch Bifi gesprochen, ohne Zeitangaben. es schien mir noch genug Zeit zu sein zu sein bis dahin. (Jul Gordon)
  22. Als wir Kinder waren, haben mein Bruder und ich immer die Trickfilm-Serie „Es war einmal das Leben“ geschaut. Die Blutkörperchen sind kleine, süße Wesen, die durch die Blutbahnen flitzen. Mein Bruder war so beeindruckt, dass er, als er hohes Fieber hatte, keine Medikamente nehmen wollte – aus Angst, den kleinen Blutkörperchen damit weh zu tun! (Katha Könning)
  23. Ich bin in einer Bauernschaft aufgewachsen. Mein Elternhaus ist umgeben von Wiesen und Maisfeldern. Eines Morgens bin ich mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle gefahren, ich war in der zweiten oder dritten Klasse. Plötzlich ertönte aus dem Maisfeld ein unheimliches Heulen. Die einzige Erklärung, die mir einfiel: Außerirdische (ich hatte zuvor heimlich mit meinem Cousin eine Folge „Akte X geguckt“). In Wirklichkeit hatte unser „Nachbar“, ca. 1 km Luftlinie entfernt, seine Huskys gefüttert. Der Zusammenhang wurde mir aber erst Jahre später klar. (Katha Könning)
  24. Ich habe als kleines Kind geglaubt, dass Mädchen mit 6 Jahren zu Jungen werden. Das lag wohl daran, dass ich zwei große Brüder habe, der eine zwei Jahre älter als ich – und ich mir offenbar nicht vorstellen konnte, auch als Mädchen einen sechsten Geburtstag zu erleben wie mein Bruder einen 6. Jungs-Geburtstag erlebt hat. Verrückt. Der Irrtum flog natürlich sofort auf, sobald ich meinem ganz großen Bruder die Theorie dargelegt hatte. Das ist heute noch ein Lacher in meiner Familie. (Judith Horchert)
  25. Als Kind dachte ich tatsächlich immer, dass es Zwillinge gibt, weil die Erwachsenen zwei mal miteinander geschlafen haben. Also, nachdem die Frau bereits mit einem Kind schwanger war, wurde noch ein zweites Kind „nachgelegt“ (Wiebke Plasse)
  26. Ich dachte als Kind immer, dass meine Ma Türkin wäre. Ich hatte viele türkische Kindergartenfreunde, und deren Mütter hatten alle dunkle Haare – wie meine Mutter. Sonst waren alle in unserer Fanilie blond. (Desi)• Zauberhafte Idee! Als Kind hab ich immer gedacht, dass ich in die TV-Werbung gehen will, weil die die coolen Gadgets bekommen, die man nicht kaufen kann. Fliegende/ schwebende Smarties zum Beispiel. Oder die beiden sprechenden M&Ms. Weil man die ja immer nur im Fernsehen gesehen hat (Sandra Schink)
  27. Als Kind hab ich immer gedacht, dass der an unserem Haus angrenzende Wald „ein Zauberwald ist“ in dem täglich neue bäume stehen und schwinden. In dem es dem „schimmelsberg“ gibt, unter dem ein Einhornschimmel begraben ist und in dem ich tausende von malen Dinosaurierknochen gefunden habe. (Theresa Möhre Bassliner)
  28. Als Kind hab ich immer gedacht, dass die FDP ein Land ist wie die USA, weil Länder ja immer drei Buchstaben haben: DDR, BRD, USA. Und dann haben wir immer Krieg gespielt und Bilder gemalt: FDP gegen die USA. Und die FDP hat immer verloren…
  29. Als Kind hab ich immer gedacht, dass Polen und Deutschland zwei Planeten wären und dass wir, wenn wir über Nacht mit dem Auto nach Polen fuhren, von Planet zu Planet gehopst sind. (Sylwia)
  30. Ich dachte als Kind immer, dass manche der Steine aus dem Baumarkt-Marmor-Deko-Kies vor unserer Fassade wertvolle Diamanten sind, die nur geschliffen werden müssen. Also habe ich die schönsten mit Seife gewaschen, auf einem samtigen Sofakissen drapiert und die Nachbarschaft unserer Reihenhaussiedlung abgeklingelt und gefragt ob sie nicht jemand für viel Geld (2 DM) kaufen möchte. (Christin Betge)
  31. Ich dachte als Kind immer, ich könnte verbummelt Gegenstände erfühlen, wenn ich nur ganz feste die Augen schließen und ganz ganz, ganz doll an sie denke. Manchmal mach ich das heute noch. (Christin Betge)

Falls ihr eine Geschichte illustrieren wollt, meldet euch bitte unter wiesnerjens@gmail.com. Mehr zu mir findet ihr auf www.jenswiesner.com


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