JENS HARDER

SIEBEN AUF EINEN STRICH – das sind 7 Fragen an Comic-Zeichner*innen und Illustrator*innen. Diesmal an: Jens Harder.

Jens Harder wurde 1970 in Weißwasser geboren und lebt und arbeitet in Berlin. Das Interview wurde im Mai 2026 veröffentlicht.

Warum hast du angefangen zu zeichnen?

Ich habe als Kind wie alle anderen auch gezeichnet, nur im Gegensatz zu vielen dann später nicht damit aufgehört. Mein Papa war zwar Berufsoffizier, aber am Wochenende verwandelte er sich daheim komplett und tischlerte, bastelte, malte in Öl und zeichnete auch. So lebte er mir immer vor, wie man sich ausdrücken kann, seine Ideen selbst realisieren; eine DIY-Attitüde, die ich komplett einsog. Diese Art Unabhängigkeit war mir immer eon großes Vorbild und so bewegte ich mich über die Jahrzehnte – ganz ohne Plan – immer mehr in die Richtung, erst eigene Bildfolgen und später ganze Bücher zu zeichnen.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Semi-realistisch, sehr linienbetont, viele Schraffuren und Binnenstrukturen, stark an historischen Zitaten oder recherchierten Referenzen angelehnt, meist mit einer reduzierten Farbskala koloriert, nicht besonders artifiziell, in der Anmutung eher retro, in der Erzählweise jedoch sehr wagemutig.

Welche Themen liegen dir besonders am Herzen?

Historische oder ökologische Themen, Mythen und Mythologien, Comicreportagen und Stadtproträts, aber vor allem Zeit und zeitliche Abläufe, Innovationen und Vergänglichkeit in jeglicher Ausprägung – also sowohl in der Geschichte als auch Gegenwart, in unserem alltäglichen Leben, aber natürlich auch alle Arten von Zukunftsverheissungen bzw. -bedrohungen. Entwicklungsprozesse in allem, in der Biologie, der Technik, der Kultur und im Denken an sich, das „Noch“ und das „Schon“ in jeglichen Aspekten unserer Realität – kurzum: Die Evolution!

Wie suchst du dir Inspiration?

So abgedroschen es klingt: Überall. Also auf Reisen, im Alltag, in Ausstellungen, im Netz, beim Konsumieren von Filmen, Büchern, Comics … Deshalb fällt mir Abschalten auch manchmal recht schwer. Irgendwo im Hintergrund läuft in mir (und wahrscheinlich auch in vielen meiner KollegInnen) doch immer eine Themen- oder Bildersuchroutine mit.

Was können Comics, Cartoons und Illustrationen, was andere Medien nicht können?

Viele Informationen zeitbasiert und visuell strukturieren, sortieren, verknüpfen, verdichten und somit ideal aufbereiten, um bei den LeserInnen Emotionen und/oder Erkenntnisse zu wecken. Und zwar mit effizientesten Mitteln. Denn anders als etwa beim Film oder Theater läßt sich alles auch heute noch (oder vielleicht sogar leichter als je zuvor) in Personalunion bewerkstelligen – das heißt, von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt kann ich jeden Schritt allein bestimmen und auch realisieren. Wer sonst, der oder die mit komplexen Visualisierungen Geschichten erzählen will, kann das schon?

Dein schönstes/schlimmstes Erlebnis als Zeichner*in?

Das „schlimmste“ bzw. seltsamste zuerst: 2010 war ich auf dem größen europäischen Comicfestival in Angoulême mit meinem Comic »ALPHA …directions« für einen Preis nominiert. Am Stand war viel los, es wurde gefilmt und die Schlange der Wartenden riß nicht ab – eine Situation, von der man als Zeichner nur träumen kann. Dennoch mußte ich ganz profan gesagt mal kurz Wasser lassen. Ich lief schnell ins in der Nähe gelegene Theater, da ich dort im Untergeschoss Toiletten erinnerte, bei denen man nicht anstehen mußte. Als ich fertig war, wollte ich fix die Tür öffnen, brach dabei aber die extrem billige Plastiktürklinke ab. Nun stand ich also in der Box und überlegte, wie ich wohl rauskommen könnte. Ein Handy hatte ich nicht dabei und um Hilfe zu rufen erschien mir irgendwie lächerlich. Zum Glück kam nach wenigen Minuten jemand, der zufälligerweise genau meine Box öffnete. Ich dankte ihm und erklärte kurz den Sachverhalt, um dann mit Highspeed wieder zurück zum Signiertisch zu rennen. Und nun noch ein sehr hoffnungsvoll stimmendes: 2005 war ich einen Monat lang in Jerusalem unterwegs, um für eine Comicreportage über die Stadt zu recherchieren. Ich hatte mir extra eine Kamera mit schwenkbarem Display besorgt, so dass ich sie vor meinem Bauch tragen und dabei dennoch ganz passabel fotografieren und filmen konnte. Trotzdem bemerkten einige aufmerksamere Passanten, was ich trieb. Besonders unangenehm wurde es im ultraorthodoxen Stadtteil Mea Shearim: Leute beschimpften mich und drohten mir mit Schlägen oder damit, dass ich (als Atheist, hehe) dafür eines Tages in der Hölle schmoren würde. Packte ich dann aber genervt die Kamera ein und zückte mein Skizzenbuch, wandelte sich die Stimmung komplett. Die Kinder, die vorher Steine nach mir warfen, lugten mir nun neugierig über die Schulter; der bärtige Rabbi, der vorher seinen Gehstock gegen mich erhob, nickte mir nun wohlwollend zu und hob anerkennend den Daumen. So unterschiedlich ist die Wahrnehmung – und in abgeschwächter Form läßt sich das natürlich auch in jeder anderen Alltagsszenerie beobachten (sei es in einer U-Bahn in Beijing oder einer Fußgängerzone in Köln).

Kannst du den Satz: „Mir ist nicht egal, dass…“ vervollständigen?

Mir ist nicht egal, dass wir immer mehr urmenschliche Tätigkeiten an die sogenannte KI auslagern – ob nun das Lesen, das Gestalten, das Denken, das Argumentieren oder das Entscheiden. Wir entwerten uns damit und machen uns irgendwann sogar komplett überflüssig. Die Entwicklung scheint – zumindest im Moment – kaum aufhaltbar und ich will jetzt auch kein Maschinenstürmer werden (so wie einige besorgniserregende Entwicklungen der jüngsten Zeit; zum Beispiel Anschläge auf Entwickler oder Rechenzentren). Aber wir sollten zumindest – jede/r für sich und die Politik im Großen ganz besonders – bei jeder Nutzung der neuen technologischen Möglichkeiten überdenken, ob sie wirklich notwenig und angebracht ist oder nur aus Bequemlichkeit vorgezogen wird. Und auch: Wer zahlt dafür? Denn „umsonst“ ist ja nur ein ultrabilliger Trick der Techo-Oligopole – bezahlt wird mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, mit (eigenen) Daten oder (von anderen Kreatoren gestohlenen) Ideen …

Für dieses Projekt möchte ich gerne Werbung machen

Ich möchte unbedingt das Kulturgut Buch lebendig halten und weitertragen in die nächste(n) Generation(en). Bücher sind so fantastisch! Auf engstem Raum bieten sie gigantisch viele Möglichkeiten, haben extrem kurze Zugriffsraten und verbrauchen in der Nutzung null Energie (wenn man mal von einer Leselampe absieht). Gut gelagert, überdauern sie viele Jahrhunderte – versuch dagegen mal, einen USB-Stick, eine alte CD oder die mühevoll gebaute Webseite aus den Anfangsjahren des Netzes langfristig zu nutzen. Bücher sind sogar Kohlenstoffsenken, denn eine gut bestückte Bibliothek mit schönen Sonderausgaben sowie dem einen oder anderen handsignierten Comic wird hoffentlich nicht so schnell in den Kreislauf der Materie zurück katapultiert, sondern weitervererbt oder andersweitig genutzt.

Website: hardercomics.de
Instagram: @hardercomics

Jens Harder »ALPHA …directions« (Carlsen 2010)

© Jens Harder »ALPHA …directions« (Carlsen 2010)

© Jens Harder »ALPHA …directions« (Carlsen 2010)

© Jens Harder »ALPHA …directions« (Carlsen 2010)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 1 (Carlsen 2014)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 1 (Carlsen 2014)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 1 (Carlsen 2014)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 1 (Carlsen 2014)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 2 (Carlsen 2022)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 2 (Carlsen 2022)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 2 (Carlsen 2022)

© Jens Harder »BETA …civilisations« volume 2 (Carlsen 2022)

© Jens Harder »GAMMA …visions« (Carlsen 2025)

© Jens Harder »GAMMA …visions« (Carlsen 2025)

© Jens Harder »GAMMA …visions« (Carlsen 2025)

© Jens Harder »GAMMA …visions« (Carlsen 2025)

© Jens Harder »CITÉS« (Actes Sud 2019)

© Jens Harder »CITÉS« (Actes Sud 2019)

© Jens Harder »CITÉS« (Actes Sud 2019)

© Jens Harder »CITÉS« (Actes Sud 2019)

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